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Rezension



100 Jahre Novum Testamentum Graece 1898-1998", limitierte Jubiläumsausgabe, Nestle-Aland Novum Testamentum Graece, 27. Auflage mit Beigaben, 5. korrigierter Druck, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart, 1998, gebunden, 818 Seiten, ISBN 3-438-0518-7, 49,00 DM.
  Einhundert Jahre alt ist das Novum Testamentum Graece, die wissenschaftliche Ausgabe des Neuen Testaments im griechischen Urtext. Sie geht auf den 1851 in Stuttgart geborenen Eberhard Nestle zurück. Er studierte in Blaubeuren und Tübingen Theologie und betrieb Sprachstudien in Leipzig, Berlin und England, so daß er neben Englisch auch Griechisch, Hebräisch, Latein und einige orientalische Sprachen beherrschte. Nestle bedauerte, daß den meisten Pfarrern und Studenten seiner Zeit nur der sogenannte "textus receptus" des Erasmus von Rotterdam als griechischsprachiges Neues Testament zur Verfügung stand. Der 1516 erstmals erschienene Text berücksichtigte lediglich einen kleinen Teil der bereits damals bekannten neutestamentlichen Manuskripte. Die im 19. Jahrhundert herausgegebenen besseren Ausgaben des Leipzigers Cons-tantin von Tischendorf und der Engländer Westcott und Hort waren für die meisten Studenten unerschwinglich. Deshalb wandte sich Nestle 1895 an die Württembergische Bibelanstalt in Stuttgart mit dem Wunsch, in einer "zuverlässigen und billigen Ausgabe" die Ergebnisse der neueren Textforschung darzubieten. Er nahm die griechischen Texte von Westcott/Hort, Tischendorf und Weymouth als Grundlage, um sich in Zweifelsfällen für die Textform zu entscheiden, die von mindestens zwei akzeptiert wurde. Abweichende Auffassungen setzte er unter den Text in einen sogenannten wissenschaftlichen Apparat.
Das 1898 erstmals erschienene Novum Testamentum Graece setzte sich schnell durch. Der Preis der ersten Ausgabe war auch für die damalige Zeit sehr günstig. Den broschierten Band gab es für 70 Pfennig, den teuersten in Leder mit Goldschnitt für 2,20 Mark. Bis zum Tod Nestles 1913 erschienen 170 000 Exemplare. Bereits 1904 übernahm die Britische und Ausländische Bibelge-sellschaft in London an Stelle des ungenauen "textus receptus" den Text Nestles für ihre wissen-schaftlichen Ausgaben. 1905 erschien eine griechisch-norwegische und 1906 eine griechisch-lateinische Ausgabe. Erwin Nestle (1883-1972) setzte nach dem Tod seines Vaters bis in die 50er Jahre die Herausgabe des sogenannten "Nestle" fort. Er vergrößerte vor allem den wissenschaftli-chen Apparat durch Berücksichtigung zusätzlicher Angaben aus griechischen Handschriften, alten Übersetzungen und Kirchenvätern. Ab 1950 wirkte auch Kurt Aland an der Arbeit des "Nestle" mit. Die großen Handschriftenfunde des 20. Jahrhunderts machten eine Revision von Text und Apparat erforderlich. 1955 wurde ein internationales Gremium von Wissenschaftlern zur Neuherausgabe des griechischen Neuen Testaments gegründet. Die Vorarbeiten übernahm 1959 das von Aland in Münster eingerichtete Institut für neutestamentliche Textforschung. Dort sind die heute bekannten, teilweise von Aland selbst gefundenen und über die ganze Welt verstreuten Handschriften mikro-verfilmt und werden mit modernsten technischen Mitteln verglichen und ausgewertet.
Die 1979 erschienene 26. Auflage des Novum Testamentum Graece faßte erstmals das For-schungsergebnis mehrerer Wissenschaftler zusammen. Bei der textgleichen, 1993 revidierten 27. Ausgabe wurde der wissenschaftliche Apparat erneut überarbeitet. Hier sind nun etwa 12 200 abweichende Lesarten aus rund 5 600 Handschriften, die dem "Nestle-Aland" zugrunde liegen, zu finden. Mit der Sprache vertraute Benutzer können die Varianten daraufhin überprüfen, ob unter ihnen Wendungen zu finden sind, die dem Urtext näherkommen als der abgedruckte Text. Der "Nestle-Aland" wird heute jedes Jahr in Tausenden von Exemplaren verbreitet, und zwar neben der rein griechischen Ausgabe auch in zweisprachigen Editionen: griechisch-lateinisch, griechisch-deutsch, griechisch-englisch, griechisch-italienisch. Damit haben Theologen und Studenten ein Arbeitsinstrument, das ihnen hilft, sich ein unbeeinflußtes Urteil über den neutestamentlichen Text zu bilden. Eberhard Nestle wollte vor einhundert Jahren "eine gute, saubere, dazu billige Ausgabe des griechischen Neuen Testaments" schaffen. Diese wegweisende Idee wurde in die Tat umge-setzt. Der "Nestle" ist immer noch ein Standardwerk, ohne das kein Theologiestudent und kein neutestamentlicher Wissenschaftler auskommt.

Holger Teubert

John Strange, "Stuttgarter Bibelatlas. Historische Karten der biblischen Welt", Deutsche Bibelge-sellschaft, Stuttgart, 3., neubearbeitete Auflage 1998, Farbeinband, 64 Seiten, 82 vierfarbige Karten, 16 Farbfotos, ISBN 3-438-06030-2, 39,80 DM.
  Der kleine, aber doch inhaltsreiche Band ist in vier Teile untergliedert: geografische, historische und bibelhistorische Karten sowie Jerusalem. Ein Anhang erleichtert das Auffinden bestimmter Bibel-stellen und Ortsnamen. Die Bibel entstand in einem Zeitraum von mehr als tausend Jahren. Manches darin wird erst richtig verständlich, wenn auch die historischen, kulturellen und geogra-fischen Umstände der Abfassung berücksichtigt werden. Hierzu ist der übersichtliche Atlas ein gutes Hilfsmittel. Er bietet zunächst einen Einblick in die Oberflächengestaltung, Straßenverbindun-gen, Niederschlagsmenge und Vegetation Palästinas. Die historischen Karten beginnen mit der frühen Ackerbaukultur im sogenannten "fruchtbaren Halbmond" und spannen den Bogen bis zum römischen Weltreich des ersten nachchristlichen Jahrhunderts. Die bibelgeschichtlichen Karten zeigen Orte, Berge, Flüsse, Landschaften und Völker, die in der Heiligen Schrift erwähnt werden. Der Teil "Jerusalem" befaßt sich in einem kurzen Überblick sowohl mit dem alten Stadtkern zur biblischen Zeit, sowie auch mit der heutigen Altstadt. John Strange erläutert fachkundig das gesamte Kartenwerk. Die Farbfotos mit Orten und Landschaften verhelfen dem Leser zu einem Einblick ins Land der Bibel, den Karten allein nicht vermitteln können.

Holger Teubert

"Neue religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen", Forschungsprojekte und Gutachten der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen", Hrsg. Deutscher Bundestag, Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen", Hoheneck Verlag, Hamm, 1998, Paperback, 528 Seiten, ISBN 3-7781-0895-6, 39,80 DM.
  Am 19. Juni 1998 legte die vom Deutschen Bundestag eingesetzte Enquete-Kommission "So-genannte Sekten und Psychogruppen" ihren Endbericht vor. Da ihr nur etwa zwei Jahre zur Erfüllung ihrer Aufgabe verblieben, vergab sie eine Reihe von Forschungsaufträgen. In dem Band sind acht dieser Studien dokumentiert, die Eingang in die Aussagen, Stellungnahmen und Hand-lungsempfehlungen im Abschlußbericht fanden. Es geht dabei um Untersuchungen bezüglich Einmündung, Karriere, Verbleib und Ausstieg in beziehungsweise aus neureligiösen und welt-anschaulichen Gruppen und Milieus, Analyse der sozialen und psychischen Auswirkungen der Mitgliedschaft in diesen Gruppen und Milieus, Gutachten zum Angebot und zur Nachfrage auf dem Psychomarkt sowie zum Beratungsbedarf und zu den Beratungsangeboten. Im Endbericht sind diese Arbeiten in zusammengefaßter Form und eingebettet in den Kontext der Argumentation der Enquete-Kommission zu finden. Ein Forschungsergebnis war, daß Menschen, die sich zu neuen und religiösen oder ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen hingezogen fühlen, keine "passiven" Opfer seien. Sie bringen vielmehr eine Reihe von Bedürfnissen, Wünschen oder Lebens-problemen mit, die in diesen Gemeinschaften erfüllt und befriedigt werden sollen. Wie und ob dies geschieht, entscheidet über den Einstieg in die Gemeinschaft, den Verbleib oder den Ausstieg. Die Enquete-Kommission kam außerdem zu dem Schluß, daß der Sektenbegriff zumindest für den Gebrauch durch staatliche Stellen untauglich ist. Dies spiegelt sich auch im Titel des Bandes wider. Er ergänzt den Endbericht, da die darin enthaltenden Studien in einem Bereich, in dem viel spekuliert wird, empirisch gestützte Erkenntnisse bieten.

Holger Teubert




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© APD Geändert am: 05.02.99

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